Vulvodynie
 

Definition

Die standarisierte Definiton erklärt die Vulvodynie als Beschwerden, meist brennend, im Bereich der Vulva, der äusseren, primären Geschlechtsorgane. Ist nicht die ganze Vulva betroffen, sondern nur das Vestibulum (Scheideneingang, kleine und grosse Schamlippen), spricht man von Vestibulodynie. Dieses ist die häufigere Form.

Der Schmerz kann spontan auftreten, ohne jeglichen Kontakt (spontane Vulvodynie), oder provoziert (provozierte Vulvodynie) durch einen physischen Kontakt (Penetration beim Geschlechtsverkehr, enganliegende Kleidung, Spekulum bei der gynäkologischen Untersuchung, Slipeinlagen, Fahrradfahren usw.).

Häufig sind die beiden Formen, spontan und provoziert, miteinander verbunden.

Diagnose

Die Diagnose basiert auf einer genauen Anamnese, die Symptome sind sehr deutlich. Vulväre Hypersensibilität , welche mittels Swab Test oder Cotton fioc untersucht wird, sowie die manuelle Untersuchung durch Tasten auf der Suche nach eventueller hypertoner Beckenbodenmuskulatur.

Symptome

Die Symptome können sehr unterschiedlich sein: Brennen, Jucken, wie Stecknadeln, wie ein Messerstich,   elektrische Stromstösse, wie ein Bluterguss. Die Penetration ist sehr schmerzhaft, meist im Bereich des Vestibulums (oberflächliche Dyspareunie), teilweise ist sie auch unmöglich. Empfindung von Schmerz in diesem Bereich kann in den drauf folgenden Stunden und auch Tagen andauern. Dieses Missempfinden kann auch ohne Penetration wahrgenommen werden. Auch vaginale Trockenheit kommt oft vor. Das spontane Brennen kann sich bis zum Anus und/oder die Klitoris ausbreiten, sowohl spontan als auch nach Kontakt. In schwerwiegenden Fällen kann die Patientin nicht sitzen, spürt Schmerzen beim Gehen, empfindet Erleichterung nur beim Liegen mit ausgespreizten Beinen ohne Unterhose. Die Schleimhaut ist häufig gereizt, rötlich, violett gefärbt und geschwollen. Manchmal bilden sich Fissuren, meist nach einer Penetration, beim hinteren Scheideneingang. Brennen beim Urinieren ist ein weiteres häufiges Symptom, besonders zum Ende des Urinierens oder kurz danach, auch Minuten später anhaltend. Ausgelöst durch den Kontakt des Urins mit seinen darin enthaltenden Salzen mit der vulvären Schleimhaut. Ist zudem die Beckenbodenmuskulatur hyperton, sind miktionale Symptome sowohl bei der Blasenfüllung (häufiges Wasserlassen, Blasendruck), als auch bei der Blasenentleerung (Verzögerung, schwacher Strahl, sofortiger Urinabgang, nicht vollständige Entleerung oder auch notwendige Rumpfbewegungen zur Blasenentleerung) mögliche begleitende Beschwerden. Die Symptome sind nicht immer in gleicher Intensität vorhanden, sie variieren im Laufe des Tages, oft intensiver im Laufe des Nachmittags bis zum Abend, nachts und beim Aufwachen am Morgen werden sie seltener wahrgenommen. Die Beschwerden variieren auch mit dem hormonellen Zyklus. Häufig vermehrte Schmerzen kurz vor oder nach der Blutung, mit Kälte, Feuchtigkeit, sportlicher Aktivität (Spinning, usw.) und auch emotionalem Stress. Mit der Einnahme von Antibiotika oder lokalem Eincremen mit chemischen Substanzen (Kortison, Waschlotionen, Medikamente gegen Pilzinfektionen, Hormonen) verschlimmern sich die Symptome.

Pathologie

Die pathologische Veränderung im Bereich der gesamten Vulva, bei Vulvodynie, oder wenn sie auf das Vestibulum begrenzt sind. Bei Vestibulodynie eine Neuropathie der mikroskopisch kleinen ungeordneten Proliferation der Nervenendigungen des Pudendusnerves. Es handelt sich um eine lokal begrenzte  periphäre Neuropathie. Häufig ist ein hypertoner Beckenboden, als Ursache oder Folge, vorhanden, (m.levator ani, obturatori, coccigei, piriformi) genauso wie beim cronic pain syndrom.

 Nicht selten sieht man im Zusammenhang mit der Vulvodynie auch Cronic pain Syndrom, Neuropathie des Pudendusnerves, Lichen sclerosus, interstitielle Zystitis, Fibromyalgie, irritiertes Kolon, polyzystische Eierstöcke, Hashimoto (Schilddrüse).

Andere Ursachen können auch längere Zeit zurückliegen, wie ein Sturz auf das Steissbein, chirurgische Operationen im Bereich des Becken und/ oder  -bodens, wiederholte Blasenentzündungen mit Antibiotikatherapien, wiederholte Vaginalentzündungen (Candida) und entsprechende Arzneimitteltherapie, chronische Verstopfung, vaginale Geburten ( Dammschnitt, Nervendehnung), zu starke sportliche Anstrengung (Pilates, Spinning usw.).

Es betrifft meist junge Frauen im gebärfähigen Alter, selten nach der Menopause. Im Kindesalter oder als Jugendliche kann die Veränderung beginnen, meist nicht als spontaner sondern als provozierter Schmerz, die Patientinnen nehmen ihn bei der ersten Penetration oder beim Tampon einführen wahr.

Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die belegen, dass Vulvodynie vererbbar oder angeboren ist.

Therapie

Die Therapie sollte im Team mit diversen Spezialisten ausgeführt werden, manchmal holistisch, aber immer auf die Patientin individuell abgestimmt. Behandelt von Gynäkologe, Neurologe, Physiotherapeut, Schmerztherapeut, Sexualtherapeut, Psychologe.

Verhaltensregeln beachten, antineuropatische Medikamente, Integratoren für den Nerv, muskelentspannende Medikamente, Homöopathie, Akupunktur, Hypnose.

Physiotherapie

Intravaginale und extravaginale manuelle Behandlung, Muskelentspannung, Faszienbehandlung, Dehntechniken, Körperhaltung korrigieren, Neuromodulation durch Elektrotherapie und Biofeedback.

Verhaltensregeln

Nur mit warmen Wasser waschen, ohne Seife, keine enganliegende Kleidung tragen, keine Slipeinlagen verwenden, lokale Wärmeapplikationen, keinen  Sport betreiben, der den Beckenboden belastet, auf ausgeglichene Ernährung und regelmässigen Stuhlgang achten. Wichtig ist auch die Selbstbehandlung durch lokale Massage, immer mit Oel, ganzheitliche Körperarbeit (Yoga, sensomotorische Übungen), Entspannungstechniken und lernen loszulassen.

Die Besserung muss sich Frau erobern, nur durch aktive Beteiligung kann sie etwas verändern, auch wenn es mehr Zeit benötigt als gewünscht (auch Jahre). Es gibt keine gradlinige Besserung, sondern immer wieder ein auf und ab der Symptome.

Übersetzung des Orginaltextes von Dr. Francesco Pesce, Chirurge, Urologe und Neurologe, eingeschrieben beim Ordine Provinciale Roma die Medici Chirurghici e degli Odontoiatri, nr. di iscrizione M24609. Zusätzliche Anmerkungen von Anke Kindermann, Physioterapeutin, spez. in Urogynäkologie und Vuvodynie.